Route 96

Nicht meiner, aber einer.

Vor ein paar Jahren habe ich mir einen Motorroller gekauft. So einen kleinen putzigen, 50 Kubik, maximal 45km/h. Naja bergab, mit Rückenwind und meiner Freundin vor einer Kneipe in Sicht schaffte er auch mal 58 km/h.

Mit diesem Geschoss also nahm ich mir vor einmal nach Neubrandenburg zu einem Konzert zu rollern. Ende Oktober war es soweit im AJZ sollten Fox devils wild, Totenwald und Lost Culture spielen. Mehrere gute Gründe die Reise anzutreten. Dermaßen in Klamotten eingepackt das die Rote Armee selbst im russischen Winter ins Schwitzen gekommen wäre stieg ich auf mein stählernes Maultier und ließ den Motor losblubbern. Der Plan war denkbar einfach, die B96 immer nach Norden, dann kann man Neubrandenburg gar nicht verfehlen.

Bis Weißensee lief alles nach Plan. Dort jedoch war die B96 stadteinwärts gesperrt, das dürfte auf dem Rückweg noch spannend werden, aber mein geringstes Problem wie sich später heraus stellen sollte. Nach kurzer Zeit erreichte ich Oranienburg. Einfach gerade durch und nicht abbiegen. Doch kurz hinter Oranienburg stand ich plötzlich vor der Autobahnauffahrt, irgendwo musste ich falsch abgebogen sein. Also umgekehrt und zurück auf Anfang, zurück zur letzten Kreuzung. Nun ganz artig den Schildern zur B96 gefolgt. Wieder landete ich fast auf der Autobahn. Nochmal zurück und neu versucht. Da ich kein Interesse hatte ohne Sprit irgendwo am Arsch der Heide liegen zu bleiben fuhr ich an der nächsten Tankstelle ran und füllte meinen Tank. An der Kasse fragte ich wie ich denn zur B96 käme, ich würde immer auf der Autobahn landen. Einer der anderen Kunden meinte das die B96 kurz hinter Oranienburg für 500m eine Autobahn ist. Welch ein Geniestreich. Aber der Plan stand, ab nach Neubrandenburg von einer Autobahn würde ich mich nicht ins Boxhorn jagen lassen. Von meiner letzten Tour, mit dem Fahrrad nach Neubrandenburg wusste ich das parallel zu dem Abschnitt der B96 ein Radweg verlief, also Arschbacken zusammen gekniffen und los. Sobald die B96 wieder eine Bundesstraße war und sich die Gelegeheit bot ohne ein Geländemotorrad zu benötigen wechselte ich wieder auf die mir zugedachte Fahrbahn. Die nächste große Herausforderung, neben dem Wetter stellte sich mir in Neustrelitz. Eigentlich gibt es das eine ganz tolle Umgehungsstraße um die Innenstadt von Durchreisenden wie mir zu entlasten. Nur stellte sich mir wieder einemal meine alte Erzfeindin die Kraftfahrstraße in den Weg. Zur Erläuterung, eine Kraftfahrstraße darf nur von Kraftfahrzeugen befahren werden die eine dauerhafte Mindestgeschwindigkeit von 61Km/h erreichen, ein Motoroller ist damit raus. Also ab durch die Stadt. Samstagabend in Neustrelitz ist echt nichts los. Was den Vorteil hat das die Straßen schön leer waren. Nur traf ich auf ein Hinderniss das die wenigsten Autofahrer als solches zur Kenntnis nehmen werden, eine Ampel mit einer Induktionsschleife. Das Problem dabei ist das diese Ampeln solange auf Rot stehen bis eine oder mehrere Tonnen Stahl in Form eines Kraftzeugs die Induktionsschleife im Asphalt ansprechen und die Ampel in absehbarer Zeit auf Grün schaltet. Mehrere Tonnen Stahl, verdammt mein Roller bringt gerade mal 95kg auf die Waage, nicht genug um die Ampel davon zu überzeugen Grün zu werden. Da stand ich nun und bald sammelte sich hinter mir ein Schlange an KfZ. Irgendwann zu unserem Glück schaltete sich dann doch mal das grüne Licht ein und die Reise konnte weiter gehen. Kurz nach 21 Uhr erreichte ich Neubrandenburg, Seestr. 12 war meine Ziel und nach einigem Herumirren fragte ich einen Passanten nach dem Weg dorthin. „Ah du willst zum AJZ? Dann musst du da lang, dann da abbiegen und dann da lang.“ Auf meine Frage ob er da auch hinwolle bejahte er das. Ich bot ihm an ihn mitzunehmen und er würde mich lotsen. Er lehnte dankend ab da er keine Helm habe, doch da hatte er nicht mit meiner vorrausschauenden Planung gerechnet. Motor aus und aus dem Helmfach den Sozius-Helm gezaubert. Helm auf und los ging die wilde Fahrt, an den genauen Weg kann ich mich heute nicht mehr erinnern jedoch fegten wir durch irgendeine Grünanlage und über irgendwelche Holzbrücken.

Im Ajz angekommen wurde mir klar das die 4 Stunden Fahrt durch das kalte und unfreundliche Oktoberwetter nun ihren Tribut forderten. Nun da ich mich nicht mehr so stark auf die Straße konzentrieren musste merkte ich erst wie kalt mir war. Nach dem 3. heissen Tee hörte ich endlich auf zu zittern und mit den Zähnen zu klappern. Kurz darauf trafen auch Fox devils wild im AJZ ein. Als Fuß mich erkannte begrüßten wir uns und er fragte mich auf welchem Weg ich denn hergekommen sei. „Mit dem Motoroller“ antwortete ich. Mit einem Finger auf mich zeigend sagte er zu seinem Bandkollegen: „Dem glaub ich das.“

Das Konzert war, obwohl Totenwald nicht auftraten, sehr schön. Doch da sich für mich keine Schlafgelegeheit in Neubrandeburg ergeben hatte war es auch irgendwann an der Zeit mich wieder auf den Heimweg zu machen. Also wieder rein in die Klamotten und los. So einfach war das dann doch nicht. Nach einigen Stunden Konzert war der Motor draußen gut abgekühlt und wollte nicht mehr so richtig anspringen. Wer schon einmal im AJZ Neubrandenburg war weiß das es an einem Hang liegt. Das nutzte ich aus, ich schob meinen Roller an und rollte einfach den Hang runter und schwubs das lief er wieder. Da ich nun absolut keinen Bock hatte bei Nacht und Nebel irgendwo zwischen Neubrandenburg und Berlin ohne Sprit liegen zu bleiben fuhr ich vor Verlassen von Neubrandenburg noch einmal an die Tanke ran und füllte meinen Spritvorrat auf. Als ich wieder startete wunderte ich mich warum die Karre nicht über die 30km/h hinaus kam. Nun gut ich bin nicht gerade eine Elfe, und es ging bergauf, aber 30Km/h war fand ich doch schon ein bisschen schwach von meinem Rollerchen. Rückblickend betrachtet fiel mir dann auf das der Gegenwind nicht unbedingt hilfreich war und der Poncho, den ich gegen den Regen und den Fahrtwind trug, mir die Aerodynamik einer Schrankwand verlieh.

Später, irgendwo zwischen Fürstenberg und Oranienburg verließ ich gerade einen Kreisverkehr. Als ich das Hauptstraßenschild betrachtete wurde ich stutzig, es reflektierte rot. ‚Vorne habe ich doch weißes Licht‘ Ich guckte in den Rückspiegel um zu sehen ob das etwas hinter mir war. Das war es auch, das blau-weiße Partycar mit seiner roten Laufschrift die mich dazu aufforderte anzuhalten. Also rechts ran, Motor aus, Helm ab und Papiere gezückt. Mit dem Führerschein war alles okay, mit dem Versicherungsschein war alles okay nur mit dem Fahrzeugschein haperte es ein wenig, es stellte sich als eine Einkaufliste heraus die ich stattdessen eingepackt hatte. Nach einer negativen Abfrage ob mein Roller als gestohlen gemeldet ist wurde ich noch gefragt ob ich etwas dagegen hätte eine Kontrolle auf Atemalkohol durchzuführen. Ich meinte das ich seit Wochen keine Tropfen mehr angerührt hätte, was auch den Tatsachen entsprach da ich unter der Arbeitswoche eh keinen Alkohol trinke und an den Abenden vor meinen freien Tagen immer die Wahl hatte am folgenden Tag Roller zufahren oder am Abend Alkohol zu trinken. Die Polizistin beglückwünschte mich noch dazu und ihr Kollege hielt dem Pust-o-Maten vor die Nase. Das Ergebnis war 0,00 Promille. Zum Abschluss meinte der Beamte noch:“Ihr Helm blinkt hinten das ist verboten.“ ich erklärte ihm das das der Blinker seines Fahrzeugs war der von den Reflektorstreifen meines Helm zurückgeworfen werden würde. Man wünschte mir noch eine gute Fahrt und ließ mich im Regen stehen. Nach dem die Rücklichter des Kleinbusses in der Dunkelheit verschwunden waren schwang ich mich wieder auf mein Gefährt und kämpfte mich weiter voran Richtung Heimat, war ich zumindestens der Meinung.

Beim Losfahren dachte ich noch ob die Brandenburger Polizei nichts besseres zu tun hätte als mich mitten in der Nacht bei Regen und Sturm vom Moped zu holen und zu nerven. Aber damit hatte ich mir auch schon selbst die Antwort gegeben. Samstagnachts um 03:00 haben sie in Brandenburg nichts anderes zu tun weil, nachts um 03:00 auf Brandenburgs Landstraßen nichts los ist. Außerdem, wer nachts um 03:00 bei Sturm und Regen mit einem Roller durch die Pampa fährt ist entweder bekloppt oder betrunken.

Nach einiger Zeit bemerkte ich ein akutes Defizit an Hinweisschildern auf Berlin oder zu mindestens Oranienburg. Egal erstmal weiter gerade aus bis zur nächsten Siedlung damit ich auf der Karte nachgucken kann wo ich überhaupt bin. Irgendwann sah ich dann ein Schild mit einem Pfeil Richtung Kremmen. ‚Geil, von Kremmen aus kenne ich den Weg nach Oranienburg und von da aus schaffe ich es auf jeden Fall nach Berlin‘ war mein Plan. Wie der gewissenhafte Beobachter jedoch weiß übersteht kein Plan den Kontakt mit der Realität. Bis Kremmen und dann nach Oranienburg kam ich dann auch ziemlich problemlos. Aber in Oranienburg wurde es wieder kniffelig. Wenn man einfach nur den Hinweisschildern der B96 nach Berlin folgt kommt nach Berlin, so meine Erfahrung. Oranienburg war anderer Meinung und führte mich zur Autobahn. Ich dachte mir: ‚Nein das ist eine ganz beschissene Idee, auch Sonntagmorgens um 5:00‘ Also zurück in die Innestadt von Oranienburg und wieder den Schildern der B96 nach Berlin gefolgt. Wieder landete ich vor der Autobahn. Beim dritten Mal verfluchte ich Sir Arthur Harris das er damals in Oranienburg so schlampig gearbeitet hatte und es wieder stand.

Irgendwann näherte ich mich dem berliner Stadtrand und freute mich schon das ich sogut wie zu Hause sei. Ich hatte nicht an die Straßensperrung gedacht die auf der Fahrt nach Neubrandenburg. Nach etlichen Versuchen über Seiten- und Nebenstraßen diese Baustelle zu umgehen gelangte ich an mein Ziel und fiel wie tot in mein Bett. Abgesehen von Sonnenschein und Hagel hatte ich auf der Rückfahrt jede Wetterform dabei gehabt, ich schätze der Sandsturm fiel nur des Regens wegen aus.
Aus den Nachrichten erfuhr ich das sich während meiner Reise ein Orkan über Norddeutschland ausgetobt hatte, das erklärte einiges.

In der darauffolgenden Woche besuchte mich eine Freundin aus Hamburg. Ihr berichtete ich von meinen Abenteuern zwischen Berlin und Neubrandenburg. Sie guckte mich irritiert an und meinte: „Bei uns in Hamburg war Orkanwarnung, wir wurden auffgefordert das Haus nicht zu verlassen und du tuckerst mit deinem Motorroller einmal quer durch halb Ostdeutschland, bist du irre?“

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